Donnerstag, 4. April 2013

Wenn der Tod billiger ist - Kliniken fürchten um ihre Existenz

Derart titelte NTV am 1. April. (Link) "Wie viel darf ein Menschenleben kosten? Für viele Kliniken in Deutschland wird das mehr und mehr zur Existenzfrage." Auch wenn das Datum einen makaberen Aprilscherz vermuten lassen könnte, so beschreibt der Artikel die traurige Realität.

Ein befreundeter Arzt kommentierte den Artikel auf Facebook wie folgt:

Nicht nur die großen Kliniken, auch die kleinen für die Grundversorgung sind massiv betroffen. Wer ist eigentlich auf die Idee gekommen, dass ein Krankenhaus wirtschaftlich sein muss? Wenn ich einem Rentner das Leben rette ist das nie wirtschaftlich. Es belastet die Krankenkassen für die Behandlung und die Rentenkassen, weil sie länger zahlen müssen. Sollen wir da jetzt auch anfangen, volkswirtschaftlich zu denken? Als Arzt - NIEMALS!! Und auch niemand anders darf das. Aber die Politik verspricht alles, die Ärzte müssen (und wollen auch) behandeln, aber es darf nichts kosten. Und Schuld sind dann an der Misere die Leistungserbringer, die Nachts arbeiten und am nächsten Morgen dann als Kostentreiber angeprangert werden. Vielen Dank. - R. Clement


Er hat in meinen Augen völlig recht. Es ist an Zynismus nicht zu überbieten, Menschenleben monetär aufzurechnen. Mit Grausen erinnert man sich an das Unwort des Jahres von 1998. Sozialverträgliches Frühableben.

Wissenschaftlich ist es hinlänglich bewiesen, dass ein Mensch im Laufe seines Lebens die meisten Kosten für die Sozialkassen nach dem Renteneintritt verursacht. Dies aber als Rechtfertigung zu nutzen, ab einem bestimmten Alter manch Behandlung nicht länger als wirtschaftlich zu betrachten ist Menschenverachtung in Reinkultur. Ich erinnere in diesem Zusammenhang an Philipp Mißfelders Ausspruch, dass die Solidargemeinschaft nicht durch künstliche Hüftgelenke für über 85jährige belastet werden dürfe... Ich befürchte, dass derart gefährliche Thesen vor dem Hintergrund des demographischen Wandels weiter an Auftrieb gewinnen werden. Sei es im Bereich der Rentenzahlungen, sei es im Bereich des pflegerischen Standards in ambulanten und stationären Pflegeeinrichtungen bis hin zu medizinischen Leistungen in Krankenhäusern.

Sicherlich ist der Anspruch der Gesellschaft auf wirtschaftlichen Umgang mit den endlichen Ressourcen der Sozialkassen gegeben. Misswirtschaft in den Kassen, in der Verwaltung und dergleichen mehr darf nicht vorkommen. Auch konnten in der Vergangenheit sicher einige Prozesse optimiert werden, um Kosten einzusparen. Aber niemals darf der Kostendruck zu Überlegungen führen, ob aus ärztlicher Sicht notwendige Behandlungen aus wirtschaftlichen Gründen durchgeführt werden können.

Das passiert nun mal  wenn Ethik auf Betriebswirtschaft im Kleinen oder Volkswirtschaft im Großen trifft. Wirtschaftsethik - ein Oxymoron?